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Larvierte Depression und Psychosomatik
Griechisch psyche = Seele, soma = Körper. Seele und Körper sind untrennbar miteinander verbunden, dass weiß jeder, der sich schon einmal aufgeregt hat und dessen Blutdruck dabei gestiegen ist.
Mittlerweile leidet etwa die Hälfte derer, die hierzulande einen Arzt aufsuchen, unter einer depressiven Störung. Wohlstandsentwicklung und -verwahrlosung, Technisierung, Automation und Entpersönlichung der Arbeit, Lebenshektik, Überforderung, Konkurrenzkampf und nicht zuletzt die Vereinsamung in der Masse wirken sich oft besonders bei sensitiven und gemütsbetonten Menschen seelisch krankmachend aus. Dass eine Depression sich auch nur körperlich ("larviert" / maskiert) ausdrücken kann, ist wenig bekannt. Heutzutage werden allgemein zwar körperliche Erkrankungen toleriert, aber seelische Störungen gelten noch häufig als Makel. ("Ich bin doch nicht verrückt.")
Betroffene sehen sich häufig großem Erwartungsdruck ausgesetzt oder tragen viel Verantwortung. Sie meinen, sich einen depressiven Rückzug schlichtweg nicht leisten zu können. Die Furcht vor sozialem Abstieg bzw. Verlust vor Ansehen ist so zuweilen so groß, dass die seelischen ungelösten Konflikte in körperliche Störungen "abstürzen". (Beispiele für solche Organneurosen: Asthma bronchiale, Bluthochdruck, Magengeschwür, Colitis, Neurodermitis, Morbus Crohn, Rheuma …) Entsprechend ist die angemessene Behandlung die Psychotherapie.
Folgende weitere Symptome können u.a. Hinweise auf eine larvierte Depression sein: Immer wiederkehrende
- Kopfschmerzen
- Gelenk-, Muskel- und Nervenschmerzen
- Herzsymptome
- Druck- und Beklemmungsgefühle, beengte Atmung
- Mundtrockenheit, Magenbeschwerden, Verdauungsprobleme
- Appetitmangel, Gewichtsverlust, aber auch Heißhungerattacken
- Schlafstörungen, (nächtliche) Schweißausbrüche, morgendliche Tiefs
- Unterleibsbeschwerden, Fluor, schmerzhafter Harn- und Stuhldrang, Störungen der Sexualfunktion
- Hör- und Sehstörungen
- Haarausfall u.v.a.
(Petra Brünner)
Depression -
"Die bedürftige Mutter" als Archetypus
Früher, als die Zeiten materiell problematischer und empfängnisverhütende
Maßnahmen noch nicht selbstverständlich waren, gab es in vielen Familien
zehn Kinder und mehr. Körperliche Arbeit war gefährlich und anstrengend und
prägte fast den ganzen Tag. Viel Zeit zum Nachdenken blieb nicht. Nicht zu
arbeiten war verwerflich, denn es bedeutete, nichts zum Überleben beizutragen.
Ganz anders heute. Die moderne Durchschnittsfamilie ist krankenversichert,
hat zwei Kinder, elektrische Haushaltshelfer, Auto und Urlaub. Das materielle
Überleben wird in deutlich weniger Tagesstunden als früher gesichert. Was also
tun mit der Zeit, die nun übrig ist? Sie genießen? Wenn der innere Richter es
nur erlaubte …
Viele Mütter organisieren ihre Zeit so, dass k e i n Raum zum Genießen bleibt.
Die Kinder werden tagtäglich gestyled und overdressed zur Schule oder zum Bus
gefahren (mehr als 200 Meter Weg sind unzumutbar?), zu Kursen, zusätzlichem
Unterricht und anderem Programm. Warum verausgaben sich diese Mütter für ihre
Kinder, die sie damit zugleich so sehr verwöhnen, dass beide Seiten immer
anspruchsvoller und geradezu lebensunfähig werden?
Genießen darf nicht sein. An dessen Statt: "Die bedürftige Mutter" im
Mikrokosmos Haushalt und Kinder. Viele Frauen identifizieren sich über Aussehen
und Leistung ihrer Kinder. Kinder, die erfolgreich sind in Schule, Sport und
Ballett, werten das immer noch schlechte Image der "Nur-Hausfrau" auf. Der in
der Außenwelt wirkende Partner erhält auch heute noch größere Anerkennung und
bessere Honorierung.
Hinzu kommt noch der Wunsch nach Anerkennung durch die eigene Mutter. Wie
viele Frauen beginnen vor deren Besuch hektisch zu putzen! Das Urteil der
eigenen Mutter scheint überaus bedeutungsvoll; oft führen Mutter und Tochter
einen unbewussten Konkurrenzkampf. Dahinter steckt der unausgesprochene
(und ungewollt an die nächste Generation weitergegebene) Vorwurf: "Ich fühle mich
zu kurz gekommen." Nicht erfüllte frühere Bedürfnisse sollen jetzt über eigene
Kinder realisiert werden, i.d.R. unter Aufbietung aller Kräfte und häufig genug
über die realistischen materiellen Möglichkeiten hinaus. So werden die Kinder oft
in Rollen gezwungen, die sie gar nicht wollen, und die eigene Geschichte
wiederholt sich.
Die betroffenen Frauen verlieren gleich zweimal. Zum einen wurden die Wünsche
und wirklichen Bedürfnisse in der eigenen Kindheit nicht ausreichend erfüllt,
zum anderen fehlt nun die Anerkennung durch die eigenen Kinder. Übrig bleiben
Frust und das Gefühl, "alles falsch" gemacht zu haben, bis hin zur Depression.
(Der Archetypus "Bedürftige Mutter" wird durchaus zuweilen auch bei Vätern
beobachtet.)
(Petra Brünner)
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Depression ist keine Laune
Frau M. fühlt sich leer, ausgebrannt, gleichgültig und
hoffnungslos. Ein Gefühl der Gefühllosigkeit, antriebs-, schmerz-
und trauerlos. Sie kann sich zu nichts aufraffen und fühlt sich wie
gelähmt, entscheidungsunfähig. Die Gedanken treten auf der Stelle
wie der Hamster im Tretrad, das Grübeln raubt ihr nachts den Schlaf.
Quälende innere Unruhe, Ängste und Schuldgefühle machen sich breit.
Frau M. fragt sich manchmal, welchen Sinn das alles noch macht.
Der Tag liegt morgens wie ein unüberwindlicher Berg vor mir. -
Herr S. fühlt sich körperlich kaputt und fragt sich wovon, der
zermürbende Druck macht ihn fertig, schlaf- und appetitlos, hat er
in letzter Zeit 5 Kilo abgenommen. Stimmungsmäßig wie versteinert,
kann er nicht einmal mehr Traurigkeit empfinden, er empfindet
sich als Versager, als Ballast für seine Familie. Immer öfter
greift er zum Alkohol, aber die Entspannung ist nur kurz und hilft
nicht. Mehr als einmal hat er daran gedacht, aus dem
Leben zu gehen.
Depression hat viele Gesichter. Sie verläuft in nicht berechenbaren
Schüben und mischt sich oft mit anderen seelischen Problemen wie
Ängsten, Zwängen oder Zeiten übermäßiger Hochstimmung. Der innere
Druck äußert sich in hektischem Hin und Her, ausweglosem Klagen, in
Rückzug, gestörtem Essverhalten, körperlichen Symptomen,
Selbstverletzungen oder Suizidgedanken.
Immer gilt: Depression ist keine Laune, die man durch Willenskraft
oder "Zusammenreißen" in den Griff bekommen könnte - dies
entspräche dem Versuch, ein Auto mit leerem Tank zu fahren.
Körperlich ist während eines depressiven Schubs der Umsatz bestimmter
Botenstoffe wie z.B. dem Serotonin gestört. Wir brauchen Serotonin, um
positiv in die Welt schauen und um Willenskraft und Antrieb entwickeln
zu können. Seelisch besteht vielleicht eine Abhängigkeit, zu hoher
Leistungsehrgeiz, falsch verstandene Opferbereitschaft, eine
tiefgreifende Resignation, nicht verarbeitete Trauer oder ein anderes
ungelöstes Lebensproblem.
Wird Depression professionell psychotherapeutisch und medizinisch
behandelt, bestehen meist gute Aussichten auf Besserung.
(Petra Brünner)
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Liebe deinen Nächsten
mehr als dich selbst
Da kann jemand kein einziges Konzert entspannt genießen. Er
identifiziert sich nämlich immer sowohl mit dem Künstler als auch
mit dem Publikum in zweifacher Angst, der Künstler einerseits könnte
versagen und das Publikum enttäuschen, oder jener könnte andererseits
enttäuscht sein über zu geringen Beifall des Publikums. So hat der
Konzertgänger keine eigene Position, sondern befindet sich emotional
zwischen sich und den anderen. Auch fühlt er sich fast verantwortlich
für das Gelingen des Abends.
Eines der großen Probleme depressiv Betroffener ist, dass die
gebenden Eigenschaften allzu überwertig gelebt werden. Das eigene
Ich wird derart in den Hintergrund gestellt, dass die jeweiligen
anderen nicht nur einen Überwert erhalten, sondern man selbst
entsprechend an Selbst-Wert verliert: "Ich bin nichts, ich kann
nichts, ich tauge nichts."
Ohne Frage ist es grundsätzlich wichtig und richtig, sich
verstehend in andere Menschen einzufühlen, Mitgefühl zu zeigen und
zu helfen. Es ist etwas sehr Positives, sich empathisch in andere
hineinzuversetzen, ihnen Zuwendung zu schenken oder auch zu
verzeihen. Das Zurückstellen des eigenen Ichs kann
zwischenmenschlich etwas Großartiges sein und bleibt heute allzu
häufig auf der Strecke. Die Folgen lesen wir täglich in
der Zeitung.
Aber in der Depression erhält, wie gesagt, das Du Überwert.
Man bleibt gleichsam in der Identifikation mit den anderen stecken,
verliert die eigene Ich-Stärke und den eigenen Standpunkt und wird
zum Echo des Gegenübers. Aus dem "Liebe deinen Nächsten wie dich
selbst" wird ein "... mehr als dich selbst". Übergroße
Schuldbereitschaft, Lebensängstlichkeit und Verlustangst prägen
irgendwann das Verhalten und das Leben, und man wird leicht Opfer
rücksichtsloser Menschen.
Depression hat viele Facetten und verläuft in Schüben. Es gibt
Mischungen mit anderen seelischen Symptomen, z.B. Ängsten, Zwängen
oder auch Phasen von übermäßiger Hochstimmung. Der seelische
Überdruck kann sich in hektischem Hin und Her oder in ausweglosem
Klagen äußern, in gestörtem Essverhalten oder Selbstverletzungen,
aber auch in körperlichen Symptomen oder Suizidgedanken.
Depression ist keine Laune, die man durch Überlegung oder
Willenskraft in den Griff bekommt, dazu sitzt der innerseelische
Konflikt zu tief. Möglicherweise besteht eine - seelische oder
körperliche - Abhängigkeit, oder zu hoher Leistungsehrgeiz, falsch
verstandene Opferbereitschaft, eine tiefgreifende Resignation,
nicht verarbeitete Trauer oder ein anderes ungelöstes Lebensproblem
lassen die Seele nicht gesund werden.
Depression sollte daher professionell psychotherapeutisch und
medizinisch behandelt werden, dann bestehen meist gute Aussichten
auf Heilung.
(Petra Brünner)
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